2018/10/09

Alternative Fakten im akademischen Bereich

Gemeinhin gilt Donald Trump als Erfinder der alternativen Fakten. Doch weit gefehlt! Alternative Fakten gibt es schon wesentlich länger.

Es muss etwa um das Jahr 1985 gewesen sein. In meinem Bekanntenkreis gab es einen studierten Historiker, Geschichtslehrer an einem Wiener Gymnasium, dazu noch Mitglied im BSA (Bund Sozialistischer Akademiker, so hieß das damals). Man muss dazu wissen, dass es damals (und wohl auch noch heute) durchaus üblich war, ein rotes Parteibuch zu besitzen, wenn man im roten Wien Lehrer werden wollte. In anderen Bundesländern hing die Farbe des Parteibuch von der Farbe der jeweiligen Landesregierung ab.

Also dieser Historiker war ein Sozi. Kein radikaler, aber ein durchaus bewusster, soll heißen, es kostete ihn nicht allzu viel Überwindung, der Partei beizutreten.

Jedenfalls sagte mir dieser Geschichtslehrer eines Tages folgendes:

   "Das heilige römische Rein deutscher Nation hat es nie gegeben."

Erstaunlich, nicht wahr? Wenn damals, Mitte der 1980er Jahre, das Bedürfnis nach Umschreibung der Geschichte in einigen Zirkeln bereits so ausgeprägt war, darf man sich nicht wundern, wenn dieser Trend sich bis in unsere Tage fortgesetzt hat.

Natürlich lassen sich geschichtliche Ereignisse unterschiedlich interpretieren. Aber auch diese Ereignisse kristallisieren sich stets um harte Fakten, die nicht in Abrede gestellt werden können. Oder könnte man sich vorstellen, Julius Caesar habe nie gelebt, nur weil seine Person einer bestimmten Ideologie nicht ins Konzept passt?

Es scheint eine Tendenz zu geben, den (objektiven) Fakten nicht mehr zu vertrauen. Stattdessen genügt es bereits, ein Gerücht in Umlauf zu setzen, um jemanden verurteilen zu können ohne Rücksicht auf die Faktenlage.

Hierzu wieder eine persönliche Anekdote. Es muss gegen Ende der 1980er Jahre gewesen sein, als ein sehr aufgeweckter und intelligenter Studienkollege einen Kommentar zum Fall Waldheim abgab, der mich ebenfalls staunend zurückließ. Er meinte sinngemäß, dass es in Zukunft wohl schon genügen müsse, einen bloßen Verdacht gegen jemanden zu haben, um diesen Jemand aus dem Rennen zu nehmen. MeToo war wohl damals schon in einigen Köpfen präsent. Der Studienkollege war in seinen Einstellungen das, was man als linksliberal bezeichnen würde, auf keinen Fall radikal, sondern eigentlich "ganz normal", also Mainstream im universitären Bereich, auch was die Naturwissenschaften betrifft.

Der aktuelle Zustand der Universitäten ist weder ein Produkt des Zufalls noch ein unabwendbares Schicksal, sondern das Ergebnis eines lang andauernden Prozesses, der seine Ursprünge in den 1970er Jahren hat. Bestimmte Leute haben auf diesen Zustand hingearbeitet und auf dem Weg dahin keinerlei Widerstand gefunden.



2018/10/02

Zum Stand der Meinungsfreiheit in der Wissenschaft

Ein neuer "Skandal" durchzuckt die Wissenschaft, genauer gesagt: die Physik.

Ein italienischer Forscher namens Alessandro Strumia, der es gewagt hatte zu behaupten, die Physik sei von Männern erfunden worden, wurde aus den heiligen Hallen des CERN verstoßen. Und damit ja niemand auf die Idee kommt, nachzulesen, was denn dieser Herr nun genau gesagt hat (wissenschaftliche Methode der Überprüfung einer Hypothese!), wurde sein Vortrag sicherheitshalber von der Webseite des CERN genommen. Sonst könnten die Damen und Herren Wissenschaftler womöglich noch auf andere Gedanken kommen! Dem gilt es unbedingt vorzubeugen!

Ich will doch sehr hoffen, dass an diesem Forschungszentrum in Kürze Safe Spaces eingerichtet werden, in die sich jede/r flüchten kann, der einer argumentativen Debatte aus dem Weg gehen möchte. Das wird sicherlich befruchtend auf die physikalische Forschung wirken. Einfach keine kontroversen Ideen mehr zulassen. Stattdessen Wissenschaft im Gleichschritt.

Doch damit nicht genug. Herr Strumia wurde nachträglich (!) von der Konferenz, auf der er gesprochen hatte, ausgeladen.
Incidentally, you shouldn't be surprised that all traces of the Italian scientist have been erased from the conference website. The Italian scientist has been retroactively disinvited from the conference after he has delivered the talk, the only talk that has made any sense over there! 
Für alle, die Strumias persönliche Sicht der Dinge sehen wollen, sei auf diesen Blogartikel verwiesen, in dessen Kommentarteil der italienische Physiker selbst Stellung nimmt.

Aufgrund der Turbulenzen, die dieser "umstrittene" Vortrag ausgelöst hat, sah sich CERN genötigt, eine Stellungnahme unter folgendem Titel zu veröffentlichen:
Updated statement: CERN stands for diversity
Gut, dass wir das jetzt wissen.

Diversity of opinion ist jedenfalls nicht gemeint.


Nachtrag: Auch Steve Sailer nimmt sich auf seinem Blog dieser Geschichte an.

Nachtrag 2: Und hier ist Strumias Vortrag.


2018/09/29

Grüne Lügen (2)

Der Dieselskandal ist ja nun wirklich bis ins Letzte durchgekaut geworden. Der betrügerische Aspekt dieser Geschichte lenkt allerdings von einem anderen, weitaus bedeutsameren ab. Gemeint sind die Grenzwerte für bestimmte Schadstoffe. Oft sind diese an der Grenze des technisch Machbaren und gelegentlich wohl auch darüber hinaus. Bei all dem Lobbying, das von Seiten der Industrie betrieben wird, fragt man sich, warum man bestimmten Grenzwertsetzungen zugestimmt hat. War es Unkenntnis? War es Feigheit? Oder war es das Vertrauen in die Schummelsoftware, die einem die Illusion vorspiegelte, die faktische Übertretung der Grenzwerte würde ohnehin nie bemerkt werden? Oder war es gar die Hoffnung, irgendwann würde man die Technologie soweit ausreizen können, dass diese Werte wieder eingehalten werden können?

Gewiss, Pressure Groups sind gefürchtet. Sie haben schließlich die Medien auf ihrer Seite. Und das Volk (oder doch eher die politisch-mediale Klasse?) erwartet verstärkte Anstrengungen für eine saubere Umwelt. Ich habe in diversen Meetings Vertreter der Industrie erlebt, die sehr grün aufgestellt waren oder sich zumindest so gaben.

Aber es gibt doch die Gesetze der Physik. Und die lassen sich nicht austricksen oder mit höherer Moral außer Kraft setzen.

Das Verdunsten bzw. Verdampfen von Wasser erfordert Energie. Und zwar beträgt die Verdampfungswärme von Wasser bei 100°C genau 0,63 kWh/kg. Somit lässt sich bei einem Wäschetrockner ziemlich präzise vorhersagen, wie viel Energie benötigt wird, um eine bestimmte Wäschemenge zu trocknen.

Ich habe vor zwei Jahren einen Trockner eines bekannten Hausgeräteherstellers gekauft. Der höchste Leistungsgrad ist "schranktrocken +", das ist eine Stufe höher als "schranktrocken". Wenn ich das recht interpretiere, dann bedeutet das: die Wäsche kann direkt aus dem Trockner genommen und in den Schrank gehängt werden. Doch weit gefehlt. In der Praxis ist die Wäsche am Ende des Programms immer noch etwas klamm, und zwar unabhängig davon, wie große die Menge war. In diesem Zustand kann man die Wäsche auf keinen Fall in den Schrank hängen.

Aber es gibt Abhilfe, und zwar ein Zeitprogramm mit dem Namen "30 Minuten extra", das man an "schranktrocken +" anhängt. Dann, und nur dann (!), ist die Wäsche wirklich schranktrocken. Tatsächlich genügen in den meisten Fällen schon 10 Minuten extra, um den gewünschten Trockengrad zu erreichen.

Das Ärgerliche an der Sache ist, dass es eben dieses Extraprogramm braucht, um das zu erreichen, was das urprüngliche verspricht.

Ich bin sicher dass die "schranktrocken+" einen Energieverbrauch innerhalb der Grenzwerte aufweist. Doch die Qualität der Leistung ist absolut ungenügend. Und um die gewünschte Qualität zu bekommen, muss ich eben einen energetischen Mehrverbrauch in Kauf nehmen.

Wie gesagt: um eine bestimmte Menge Wasser zu verdampfen, ist eine bestimmte Energiemenge nötig. Darunter geht´s nicht. Elementare Physik.

Teil 1 dieser Serie finden Sie hier.


2018/09/22

Der Bankrott der Universitäten in den USA

Über den Verfall der Universitäten, insbesondere in den Vereinigten Staaten, wurde schon einiges geschrieben. Danisch liefert immer wieder lesenswerte Beiträge zu diesem Themenkreis, z. B. hier.

Erst kürzlich erschien dazu ein Artikel in der NZZ. Pikanterweise und sicherlich unbeabsichtigt bestätigt der etwas salbadernde Grundton des Artikels, dass das Übel der auf political correctness gebürsteten Universitäten keineswegs ein rein transatlantisches ist. Allerdings tritt dort das Problem mit Sprechverboten für unerwünschte Meinungen, Mikroaggressionen, Bafe Spaces und sonstigem Brimborium nur etwas greller ins Rampenlicht.

In Europa ist die Lage noch nicht ganz so verfahren, aber der Trend geht eindeutig in dieselbe Richtung. Und da und dort soll schon mal eine Veranstaltung einer gutmenschlichen Intervention zum Opfer gefallen sein.

Nun ja, das sind eben die Segnungen des Kulturmarxismus. Über Wesen und Wirkung dieser Ideologie gibt es eine Reihe von Artikeln im Netz. Wer Videos bevorzugt, ist hier gut aufgehoben.

Was Mikroaggressionen sind, weiß ich schon wesentlich länger als die kulturmarxistischen Theoretiker. Und zwar aus praktischer Erfahrung. Eine der Schwestern meiner Oma besaß nach außen hin ein sehr weiches, beinahe verletzliches Wesen. Wer sie aber näher kannte, wusste, dass hinter dieser weichen Schale ein sehr rauer, manche würden sagen: aggressiver Kern steckte. Und wenn ihr jemand nicht nach der Pfeife tanzte, sagte sie einfach: "Der (oder die) kann mich nicht leiden" und nahm gekonnt die Opferrolle ein. Spätestens dann konnte sie wirklich niemand mehr leiden. Aber wehe, irgend jemand sprach das offen aus.

Doch zurück zum Universitätsbetrieb. Als ich noch an der Uni studierte, hatte ich einen Studienkollegen, der nicht nur strammer Marxist war, sondern sich auch auf eine Laufbahn als Physiklehrer an einem Gymnasium vorbereitete. Als ich ihn nach einiger Zeit wieder einmal traf und ihn nach seinen beruflichen Erfahrungen fragte, erzählte er mir etwas sehr Bemerkenswertes. Als er nämlich seine erste Klasse übernommen hatte, stellte er sich vor die Schüler hin und sagte, sie sollten ihm überhaupt nichts glauben und alles kritisch hinterfragen... Dass zum kritischen Hinterfragen ein einigermaßen solides Grundwissen gehört, scheint ihm gar nicht in den Sinn gekommen zu sein. Und dass dieses Unterrichtskonzept nicht sehr tragfähig ist, sollte einem durchschnittlich geerdeten Zeitgenossen eigentlich klar sein. Nun, auch mein Kollege musste Lehrgeld bezahlen und seinen unkonventionellen Stil wieder einmotten, um hinfort wieder etwas stinknormales Wissen unters Volk zu bringen. Die völlige Anarchie seines ursprünglichen Konzept produzierte letztlich nur - Anarchie, und eben kein Verständnis für (elementare) physikalische Sachverhalte. Dies nur als Beispiel, wie man mit Ideologie an die Wand fahren kann.

Wenn ich mich zurückerinnere an die 1980er Jahre, so war das Universitätsklima damals zwar deutlich offener und liberaler als heute. Gleichwohl gab es in einigen Bereichen (auch bei uns in der Physik) sehr aktive Fachschaften, die einen sehr markanten Linkstrend aufwiesen. Nun ist die Physik zwar eine Wissenschaft, in der (im Prinzip jedenfalls) nur objektive Fakten zählen. Was aber stramme Ideologen nicht daran hindert, dem Fachbereich ihren Stempel aufzudrücken (etwa in personeller Hinsicht). Ja, selbst die Mathematik ist inzwischen von diesem Virus infiziert.

Und hierin liegt auch ein Schlüssel für das Verständnis dessen, was an den Universitäten seither geschehen ist. Denn es ist ja keineswegs so, dass die Unis holterdipolter von Außerirdischen gekapert worden wären. Was wir gegenwärtig sehen, ist nur das (vorläufige?) Ergebnis einer Entwicklung, die schon lange absehbar war. "Aktivisten" drängen auf die Schaffung bestimmter Normen, die anschließend immer weiter ausgedehnt werden. Während die europäischen Universitäten jahrhundertelang ohne Frauenbeauftragte auskamen, wurde es irgendwann Usus, an jeder Hochschule eine solche Stelle zu schaffen. Wer meinte, damit sei dem Drängen Genüge getan, wurde rasch eines Besseren belehrt. Denn schon bald musste auch jeder Fachbereich eine eigene Frauenbeauftragte haben.

Hätte irgendjemand in den 1980er Jahren vorhergesagt, dass es 2018 mehr als 200 Genderprofessuren in Deutschland geben würde, wäre er für leicht verrückt erklärt worden. Diese Professuren fielen ja nicht vom Himmel oder wurden aufgrund göttlicher Gnade geschaffen. Vielmehr steckt dahinter ein überaus professionelles Lobbying, das bis in höchste politische Kreise reicht. Und so sind wir inzwischen an einem Punkt angelangt, wo der gegenteilige Standpunkt für verrückt erklärt werden würde. Denn Genderprofessuren sind heute eben "normal". Und wer könnte etwas gegen das Normale haben?

Aber das Thema "Gender" ist eben nur ein Aspekt unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation. In anderen Themenfeldern wurde ein ganz ähnlicher Kurs gefahren: man denke nur daran, was alles gesagt (oder besser: nicht gesagt) werden darf; an Sprechverbote, die natürlich offiziell gar nicht existieren, die aber leider "aus Sicherheitsgründen" angemessen erscheinen; an den ganzen Zinnober mit Mikroaggressionen, Safe Spaces und so weiter.

Ein entscheidender Punkt ist auch, dass viele dieser neuen "Regeln" gar nicht formal aufgestellt wurden, dass aber ein Verstoß gegen dieselben sofort harsche Konsequenzen nach sich zieht. Es genügt ein vielleicht etwas dümmlicher Witz oder eine flapsige Bemerkung, um eine verdienstvolle Karriere unverzüglich zu beenden und jemanden zur Unperson zu machen. Der Nobelpreisträger Tim Hunt ist dafür nur ein Beispiel von mehreren.

Wie die MeToo-Kampagne zeigte, genügen manchmal Gerüchte über Ereignisse, die sich vor 20 oder 30 Jahren ereignet haben sollen, um jemanden aus der Bahn zu werfen. Und das ganz ohne Gerichtsverfahren. Private Dinge (in vielen Fällen ohne jegliche strafrechtliche Relevanz) werden mit aller Gewalt an die Öffentlichkeit gezerrt, um sie gegen eine bestimmte Person einzusetzen. Und in den meisten Fällen gelingt das sogar mit Erfolg.

Ja, so sieht es aus, wenn das Private politisch wird. Die Ansätze dieser gesellschaftlichen Strömung gehen bis in die 1960er Jahre zurück. Und ihr Einfluss ist heute größer als je zuvor.










2018/09/14

Warum "regenerativ" und nicht "erneuerbar"?

Leser dieses Blogs wissen, dass ich nicht von erneuerbaren Energien spreche, sondern grundsätzlich nur von regenerativen. Z. B. hier. Warum ist das so?

Nun, ganz einfach. Energie ist nicht erneuerbar.

Energie kann nur von einem Zustand in einen anderen übergeführt werden. Sie kann weder erzeugt noch vernichtet werden. Das ist eines der grundlegendsten physikalischen Gesetze.

Wie hat man sich das vorzustellen? Das Benzin im Tank meines Autos entspricht einer bestimmten Energiemenge. Wenn ich mit dem Auto fahre, wird ein Teil dieser Energie (Wirkungsgrad kleiner als 100%) in kinetische (also Bewegungs-) Energie umgewandelt. Wenn ich bremse, erhitzen sich die Bremsscheiben, d.h. die kinetische Energie wird in Wärme umgewandelt. Für die naturwissenschaftlich Interessierten: Es ist schon klar, dass Wärme auch nichts anderes als Bewegungsenergie (von Atomen und Molekülen) ist. Nur ist die Bewegung aufgrund von Wärme sehr ungeordnet, während die Bewegung des Automobils (im Allgemeinen) recht geordnet vonstatten geht.

Warum also regenerativ? Dieser Begriff macht Sinn, denn er zielt darauf ab, dass etwas in gleicher Weise wieder erzeugt (als re-generiert) werden kann. Wann immer die Sonne scheint, liefern meine Photovoltaik-Paneele Strom. Dieser Prozess läuft immer in gleicher Weise ab. Streng genommen, gilt das natürlich nur, solange die Sonne in gleicher Weise scheint, was im Laufe unserer kurzen Lebensspanne tatsächlich der Fall ist. Man bedenke, dass die Sonne in jeder Sekunde (!) 4 Millionen Tonnen an Masse verliert aufgrund der gewaltigen Kernreaktionen, die dort ablaufen. Glücklicherweise ist die Masse der Sonne so groß, dass wir davon, selbst im Lauf von vielen Jahren, praktisch nichts merken.

Die Sonne kann also als eine stabile Quelle angesehen werden, die uns den Betrieb regenerativer Energien ermöglicht.

Zum Vergleich: Wenn ich ein Stück Kohle verbrenne, gewinne ich während des Brennvorganges die darin enthaltene Energie (z. B. um mein Haus zu wärmen). Aber sobald nur noch ein Haufen Asche übrig ist, ist die Sache zu Ende. Hier lässt sich nichts re-generieren. Das gilt mutatis mutandis für alle fossilen Energieträger.

Der Begriff "erneuerbare Energien" suggeriert etwas, das es nicht gibt. Es handelt sich um einen grünen Propagandabegriff, der von willfährigen Medien eifrig unters Volk gebracht wird. Vielleicht ist er deshalb so erfolgreich, weil er eben immer gegenwärtig ist. Richtig wird die Sache deshalb noch lange nicht.


2018/09/08

PV in Schottland - Nachtrag

Ich komme nochmal zurück auf mein letztes Posting. Dort wurde unter anderem dieses Bild gezeigt:

Fig. 1 Stromproduktion aus Photovoltaik (schwarz) und Stromverbrauch (rot) in Schottland

Schön zu sehen sind hier die Variationen beim Stromverbrauch, der im Sommer deutlich niedriger ist als im Winter, und bei der Stromproduktion aus PV, wo es gerade umgekehrt ist.

Wie bereits angemerkt, ist dieses Bild einem Artikel von Roger Andrews aus Energy Matters entnommen. Dort werden auch Quellen zitiert, die davon schwadronieren, Solarenergie könnte den gesamten schottischen Energiebedarf abdecken ("could power all Scottish electricity supplies").

Was hat es damit auf sich? Nun, wenn wir uns obiges Bild genau ansehen, ergibt sich der Eindruck, dass die Überproduktion des Sommers tatsächlich die PV-Stromlücke im Winter ausgleichen könnte.
Rechnen wir mal nach. Der Stromverbrauch von März bis September liegt etwas unter 3 TWh pro Monat. Überschlagsmäßig kommen wir für diese Periode auf einen Gesamtverbrauch von rund 15 TWh. In den übrigen Monaten beträgt der Strombedarf dann rund 20 TWh, während die PV-Produktion demgegenüber weit zurückfällt.

Man müsste also ca. 20 TWh an elektrischer Energie so speichern, dass sie für den ganzen Winter zur Verfügung steht. Nach derzeitigem Stand der Technik kämen bei so gewaltigen Energiemengen eigentlich nur Pumpspeicherkraftwerke in Frage.

Also schauen wir mal nach, wie es mit diesen Pumpspeicherkraftwerken aussieht. Gemäß der europäischen Statistikbehörde Eurostat gab es 2016 in der gesamten EU eine Speicherkapazität von knapp 25 GW. Diese Speicherkraftwerke produzierten im selben Jahr rund 30 TWh. Mit anderen Worten: die gesamten Pumpspeicher der EU produzierten 2016 gerade mal eineinhalb mal soviel elektrische Energie, wie Schottland allein im Winter benötigt. Von den 30 TWh gehen rund 3 TWh, also knapp 10 %, auf das Konto des Vereinigten Königreichs. Man bedenke auch, dass dies ganzjährige Werte sind, während wir im Fall Schottland nur vom Bedarf im Winter reden.

Daraus folgt: Es bräuchte fast die gesamte Speicherkapazität der EU, um allein den schottischen Strombedarf im Winter abzudecken.

Also rein rechnerisch mag die grüne Phantasie could power all Scottish electricity supplies zutreffend sein. In der Praxis klafft hier allerdings eine gewaltige Lücke, es sei denn man nimmt an, dass die gesamte EU bereits steht, um (ausschließlich) einen kleinen Teil Großbritanniens mit Strom zu versorgen. Das ist völlig abwegig.

Man fragt sich, ob mit Meldungen wie der oben genannten die Menschen manipuliert werden sollen. Denn letztlich wird eine Versorgungssicherheit suggeriert, die es zumindest mit dem jetzigen Stand der Technik nicht gibt.


2018/08/26

Photovoltaik in Schottland und Österreich

Roger Andrews berichtet auf Energy Matters über das PV-Potential in Schottland. Wie üblich blickt der Autor hinter die Fassade grüner Propaganda und stellt Dinge richtig, die in den Manipulationsmedien gerne unter den Tisch fallen.

Schottland gehört zu den nördlichen Teilen Europas, was für die Aufstellung von Photovoltaikanlagen nicht eben vorteilhaft ist. Der Kapazitätsfaktor bewegt sich irgendwo zwischen 8 und 9% . Zur Erinnerung: Kapazitätsfaktor heißt jene Größe, die sich aus der Formel

c = kWh(prod)/(24*365*kWp)

berechnet. Kurz gesagt ist dies das Verhältnis der tatsächlich produzierten Kilowattstunden zur theoretisch möglichen Produktionskapazität bei voller Auslastung. Man kann es vereinfacht auch so formulieren: In Schottland laufen die PV-Paneele 8% des Jahres auf vollen Touren und die restlichen 92% der Zeit ist Pause.

Der Kapazitätsfaktor schwankt jahreszeitlich sehr stark. Graphisch sieht das dann so aus:

Fig. 1 Kapazitätsfaktoren dreier PV-Anlagen in Schottland. Quelle: http://euanmearns.com/solar-pv-potential-in-scotland/

In den Sommermonaten sind die Kapazitätsfaktoren mehr als zehnmal so groß wie in den Wintermonaten. Entsprechend ist auch die Stromproduktion im Sommer mehr als zehnmal so hoch wie im Winter.

Das Land besitzt etwa 40 GW an installierter PV-Leistung. Schottlands Elektrizitätsbedarf beläuft sich auf rund 35 TWh jährlich. Sowohl die Leistung der Photovoltaikanlagen als auch der Stromverbrauch sind jahreszeitlichen Schwankungen - allerdings mit unterschiedlicher Intensität - unterworfen. In der Praxis sieht das dann so aus:

Fig. 2 PV-Produktion und Stromverbrauch in Schottland. Quelle: http://euanmearns.com/solar-pv-potential-in-scotland/

Es ist das übliche Bild: Eklatante Überproduktion in den Sommermonaten, wenn der Verbrauch gering ist, und signifikante Unterproduktion im Winter, wo der Verbrauch seine Höchstwerte erreicht.

Könnte man die Überproduktion des Sommers so speichern, dass sie für die kalte Jahreszeit zur Verfügung stünde, wäre es in der Tat möglich, den gesamten Jahresbedarf mit PV zu decken. Allerdings benötigte man dafür Speicherkapazitäten in der Größenordnung von 20 TWh, was auf absehbare Zeit klar jenseits der gegenwärtigen Möglichkeiten liegt.

Wie sieht es zum Vergleich in Österreich aus? Wie bereits in einem früheren Posting besprochen, habe ich Zugang zu den Daten einer PV-Anlage in Linz, die im privaten Rahmen betrieben wird.

Das Verhältnis aus Eigenproduktion und Stromverbrauch stellt sich bei dieser Anlage folgendermaßen dar:

Fig. 3 PV-Produktion und Stromverbrauch einer PV-Anlage in Linz 

Auch hier hervorstechend das Auseinanderklaffen zwischen Produktion und Verbrauch im jahreszeitlichen Ablauf. Die PV-Anlage ist mit 2,4 kWp etwas unterdimensioniert, sodass auch im Sommer nicht der gesamte Verbrauch durch Eigenproduktion gedeckt werden kann.

Was den Kapazitätsfaktor dieser Installation betrifft, sei auf folgende Graphik verwiesen, die sich aus den Produktionsdaten der letzten Jahre ergeben:

Fig. 4 Kapazitätsfaktor einer PV-Anlage in Linz. Gemessene Werte (blau) und Trendlinie (schwarz). Baujahr 1996. 

Der mittlere Kapazitätsfaktor im Jahreslauf beläuft sich auf 9-10% mit leicht fallender Tendenz. Die Anlage ist seit 22 Jahren in Betrieb.

Verglichen mit Schottland erlaubt die Nutzung der Photovoltaik etwas höhere Ausbeuten im nördlichen Österreich. Allerdings sollte man auch hier keine Wunder erwarten. Der Kapazitätsfaktor einer Anlage in Linz liegt etwa 1-2 Prozentpunkte über jenen, die man für schottische Verhältnisse erwarten darf.

Ansonsten gibt es hier wie dort gewaltige Schwankungen der Stromproduktion zwischen einzelnen Monaten, die einer dem Verbrauch angepassten Versorgung eindeutig im Wege stehen. Das zentrale Problem ist - wie immer bei regenerativen Energien - die Schaffung entsprechender Speicherkapazitäten.