2018/03/15

Kapitalismus und Innovation

In der Schweizer Wirtschaftszeitung Finanz und Wirtschaft findet sich ein Meinungsartikel zum Thema Schafft der Kapitalismus sich ab? Das Ende des Kapitalismus herbei zu schreiben, ist in jüngster Zeit ein beliebter Zeitvertreib geworden. Davon mag man halten, was man will.

Was mich an diesem Artikel vor allem interessiert hat, war folgende Aussage:

In den USA stieg die jährliche Wirtschaftsleistung pro Stunde zwischen 1920 und 1970 um 2,8%.
Seit 1970 sind es nur noch 1,6%, ein Rückgang um fast die Hälfte. Ein Blick auf die Faktoren, die das Wachstum treiben, ist besonders beängstigend. In beiden Perioden trugen mehr Kapital und mehr Bildung ca. 1% bei.
Das aber heisst, dass die Produktivität in den vergangenen vierzig Jahren nur noch 0,65% pro Jahr gewachsen ist – 1920 bis 1970 lag die Wachstumsrate noch dreimal so hoch.

Die Produktivität der Wirtschaft wächst offenbar zunehmend langsamer. Ein wesentlicher Faktor zur Steigerung der Produktivität ist der technische Fortschritt. Aber auch daran hapert es:

In den Siebzigerjahren genügten ein paar Männer und Frauen in den Forschungsabteilungen, um die Transistoren enger rücken zu lassen. Heute sind achtzehnmal so viele Personen notwendig, um die gleiche Zunahme zu erreichen.

Das ist eine alarmierende Nachricht. Und sie gilt auch für andere Bereiche, etwa die Medizin:

Während die ersten systematischen Versuche, in kleinen Gruppen neue Pharmaka zu finden, mit Wundermedikamenten wie Penizillin und Aspirin belohnt wurden, sind heute milliardenteure Armeen von Wissenschaftlern notwendig, um immer marginalere neue Heilmittel zu erzeugen.

Dieser Trend hat sich nach meinem Dafürhalten bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges klar herauskristallisiert. Big Science hieß damals das Schlagwort. An die Stelle einzelner Forscher in ihren kleinen Labors rückten die Großforschungsanlagen wie CERN und andere, wo jeder Versuchsaufbau mit Hunderten von Leuten bestückt ist und der Einzelne oft gar nicht mehr den Überblick über alle Projektdetails hat.

Klar, es wäre einfach zu viel verlangt, wollte man die Suche nach Neutrinos einem Einzelgänger anvertrauen. Viele Projekte erfordern einfach eine kritische Masse an Mensch und Material.

Doch zurück zum Artikel, der an seinem Ende mit einer überraschenden Aussage aufwartet. Dort heißt es:

Eine oft übersehene Tatsache ist, dass der Wettbewerb zwischen Unternehmen nur selten zu wirklichen Durchbrüchen anspornt. Wenn Firmen um Marktanteile kämpfen und auf die Kosten achten müssen, fehlt häufig der lange Atem, um auf das «nächste grosse Ding» zu setzen.
Viele Durchbrüche, die für einen guten Teil des technologischen Fortschritts in jüngerer Zeit verantwortlich waren, kamen aus staatlichen Technologieprogrammen oder den Forschungslabors von Quasi-Monopolisten. In der US-Computertechnologie ist die Verbindung besonders schlagend – ohne Kalten Krieg, Mondlandung und die Subventionen des Pentagons gäbe es keine moderne Computerindustrie.
Düsenflugzeuge verdanken wir den deutschen Rüstungsanstrengungen im Zweiten Weltkrieg, das Internet der Pentagon-Forschungsbehörde Darpa und die Atomtechnologie dem Manhattan Project, das die erste Kernwaffe entwickelte.
Dem ist klar zu widersprechen. Die Düsenflugzeuge waren eher das Werk tüftelnder deutscher Ingenieure, als dass dahinter ein Masterplan der Nazis steckte. Das Manhattan-Projekt war in der Tat ein erstes Aufleuchten der Big Science. Allerdings ging es dabei nur noch darum, die bereits zuvor im kleinen Rahmen entdeckte Kernspaltung (Otto Hahn und Mitarbeiter) nun zur kriegsentscheidenden Waffe zu machen. Auch dieses Großprojekt beruhte ganz wesentlich auf dem Wirken hervorragender Wissenschaftler, aber die eigentliche Entdeckung (Innovation) wurde in einem relativ kleinen Labor in Berlin gemacht. Und zwar ganz ohne staatliche Lenkung oder Voraussicht.

Was die Mondlandung betrifft, so handelt es sich hierbei in der Tat um eine gewaltige kollektive Anstrengung. Allerdings war der entscheidende Treiber der technische Wettlauf mit der Sowjetunion, die man auf keinen Fall gewinnen lassen wollte. Hinzu kam ein intellektuelles Umfeld, das einerseits technischen Großprojekten aufgeschlossen gegenüber stand und andererseits bereit war, menschliche Opfer in Kauf zu nehmen.

Ob es ohne die Subventionen des Pentagons keine moderne Computerindustrie gäbe, ist ebenfalls mehr als zweifelhaft. Denn zum einen war der Computer bis Anfang der 1980er Jahre eigentlich nur ein Werkzeug für Freaks. Er war natürlich bedeutsam in manchen professionellen Bereichen, aber zum Masseninstrument wurde er erst mit dem Aufkommen des PCs und der benutzerfreundlichen Software (Microsoft). Auch die Entwicklung des iPhones war letztlich nur dem Wirken eines einzelnen Visionsärs zu verdanken (Steve Jobs). Es ist geradezu grotesk, sich hinter Erfolgsgeschichten wie Apple, Microsoft, Amazon und Google das Wirken einer staatlichen Bürokratie oder eines Monopols vorzustellen. Ganz im Gegenteil: Hier hatten Einzelpersönlichkeiten brilliante Ideen und den Mut und die Tatkraft sowie das nötige Glück, sie ins Werk zu setzen. Und darauf kommt es an.










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